Webbers "Sunset Boulevard" im Stadttheater Bielefeld

Das Ensemble von "Sunset Boulevard" | © Martin Becker
Das Ensemble von "Sunset Boulevard" | © Martin Becker
WDR 3 Kulturtipp: 

In sich verändernden Zeiten fällt manchen Menschen die Anpassung an den gesellschaftlichen, technischen, aber auch moralischen Status quo recht schwer. Man sehnt sich zurück nach den guten alten Tagen, wo Erfolge zur Normalität gehörten und die eigene Jugend noch viele Wege ermöglichte. Norma Desmond – eine alternde Stummfilm-Diva – verneint eine Anpassung und zieht sich in ein stumpfes Abbild einer schillernden Vergangenheit zurück: Die Zeiten des Stummfilms und der Starlets sind längst vorbei, abgelöst durch den Tonfilm und die neuen Anforderungen an Mensch und Stimme. Neuen Glanz in ihrem Leben verspricht ein junger Mann, der ihren Alltag auf den Kopf stellt. Neue Projekte sind in Aussicht, die Hoffnung auf die Rückkehr zu alter Größe keimt wieder auf, und Norma fühlt zarte Triebe in ihrer Brust. Doch aus der Bewegung, die ihren Alltag für kurze Zeit bestimmt, entstehen nur Träume und Illusionen – und die Ereignisse steuern wie im Strudel auf ein tragisches Finale zu.
Webbers weltberühmtes Musical basiert auf dem gleichnamigen Film von Kult-Regisseur Billy Wilder (1950). Mit den Rhythmen der 40er Jahre, musikalischen Ideen aus der Zeit des guten alten Hollywood-Films und der typischen Musicalraffinesse eines Webber avancierte Sunset Boulevard zur Gallionsfigur des dramatischen Musicals. Die Partie der Norma Desmond gehört seither zu den ganz großen Herausforderungen im Musicalbusiness, denen sich u. a. Glenn Close oder Helen Schneider stellten.

Webbers elftes Musical aus dem Jahr 1993 baut die Brücke zwischen Oper und Musical: Eingängige Melodien korrelieren mit sinfonischen Parts und melodramatischen Einlagen, eingebettet in eine Handlung – obwohl auf Wilders Film basierend –, die einer wahren Operntragödie in nichts nachsteht. Die großartige, beinahe kongeniale Adaption des Filmklassikers erhielt nicht zu Unrecht eine Reihe von Auszeichnungen, die für sich spricht. Darunter mehrere Auszeichnungen des Tony Awards 1995 und des Drama Desk Awards 1995.

Webbers Musical ist – wie fast jedes seiner Werke – anspruchsvoll, sowohl im musikalischen als auch darstellerischen Kontext. Die Ambivalenz der Norma Desmond erfordert eine Charakterdarstellerin, die zum einen die ehemalige Größe der Diva erahnen lässt, zum anderen aber die Zerbrechlichkeit und Selbstverstümmelung dieser einstigen Existenz zu spielen vermag – eine Gratwanderung, in der Rolle und Sänger verschmelzen. Mit Brigitte Oelke konnte das Theater Bielefeld eine der großen Persönlichkeiten des Musicalbusiness gewinnen, die mit ihrer kraftvollen und bekannten Musicalstimme der Norma Desmond die tragische Kraft verleiht, aber eben auch – und dies aufgrund ihrer großen Musicalkarriere – jene Facetten oktroyiert, die für Reibung, Dramatik und die nötige Bipolarität in der Figur sorgen. Mit Tom Zahner und Veit Schäfermeier stehen ihr zwei gestandene Männer gegenüber, wobei ersterer als charismatischer Butler, letzterer als narrativer und dennoch emotionsgebundener, gleichwohl „toter“ Liebhaber das tragische Spiel begleiten.
 
In der Regie von Thomas Winter und der Bühne seines Ausstatters Ulv Jakobsen verschmelzen Tradition und neues Gedankengut, die Ästhetik des Originals wird nicht verneint, sondern bewusst gesetzt, reduziert oder erweitert, um den Kampf der Norma Desmond, den sie zu gleichen Teilen (bewusst/unbewusst) gegen und für sich führt, auf eine dezidierte und differenzierte Ebene zu bringen, der zudem einen Blick hinter die offensichtlichen Fassaden der Akteure erlaubt.

Nächste Vorstellungen

05.04., 24.04., 14.05.,
15.05., 23.05., 24.05., 25.06.,
29.06.

Karten: www.theater-bielefeld.de
 

Musikalische Leitung
William Ward Murta
Inszenierung   
Thomas Winter
Bühne und Kostüm
Ulv Jakobsen   
Dramaturgie   
Daniel Westen
Choreinstudierung
Hagen Enke   
 
Mit Brigitte Oelke, Veit
Schäfermeier, Tom Zahner,
Ulrike Figgener, Jonas Hein,
Benjamin Armbruster, Bernard
Niemeyer, Fabian Kaiser, Carlos
H. Rivas, Michaela Duhme,
Natascha C. Hill, Evelina
Quilichini, Ramon Riemarzik,
Lutz Laible, Lado Lortkipanidz