KlassikSommer Hamm 2014

WDR 3 Kulturtipp: 

Poetischer Schubert-Klang und ganz neue Töne

Der Stargast im KlassikSommer 2014 ist ein Orchester: Eine ganze Woche lang wird die Robert-Schumann-Philharmonie aus Chemnitz in Schubert schwelgen. Die Schumann-Philharmonie ist ein sogenanntes A-(Spitzen-)Orchester und hat in ihrer langen Tradition einen ganz charakteristischen Klang ausgeprägt. Ein Klang, den sich ihr Generalmusikdirektor Frank Beermann gern zu Eigen macht, den er weiterpflegt. Und den er zum Beispiel für die Komponistenporträts im KlassikSommer nutzt.

Nicht  der  vielbekannte  Schubert  mit  seinen  romantischen  Liedern,  mit  „Winterreise“  und  „Wanderers Nachtlied“, sondern das weitgehend von den Konzertprogrammen verschwundene instrumentale Werk von Franz Schubert ist bei dieser einwöchigen Expedition das Ziel.
Zu entdecken gibt es viel: Nur Mozart kann Schubert in seinem manischen Schaffensrausch das Wasser reichen. 1.000 Werke in 17 Jahren Komponisten-Dasein – das ist ein bis heute unerreichter Messwert musikalischer Kreativität. Charakteristisch aber ist vor allem Eines, das Schubert bis heute zu einem der
beliebtesten Komponisten macht: Menschenliebe, Empfindsamkeit, Naturnähe, musikalisch übersetzt in einen einzigartigen, poetischen Klang.
Ein ganzes Eröffnungswochenende mit später Kammermusik, mit den Sinfonien 1 bis 4, ein Ausflug zur 5. und 6. Sinfonie in die Maximilianhalle, der krönende Abschluss mit „Unvollendeter“ und „Großer C- Dur-Sinfonie“ in der Alfred-Fischer-Halle, ein Nachklang im Kurhaus, wenn Herbert Schuch die Wande-
rer-Fantasie spielt – das ist Schubert, wie ihn Frank Beermann im KlassikSommer sieht. Blutjung  und  energiegeladen,  leidenschaftlich spontan  und  hochvirtuos  sind  die  drei  Partner  vom  Trio Daniela Koch, Weng Xiao Zheng und Anneleen Lenaerts. Und das tut der Klassik gut, denn so fangen die
Werke für die französisch zarte Besetzung aus Flöte, Viola und Harfe aus der Feder von Bach, Debussy, Fauré und den Zeitgenossen Arnold Bax und Tōru Takemitsu an zu funkeln und sprühen. Der musikalische Funkenflug entflammt die alte Scheune auf Gut Drechen. Das sind ja ganz neue Töne: Jenseits des streng klassischen Programmblocks wagt sich der KlassikSommer wieder abenteuerlustig in die Grenzgefilde zwischen E- und U-Musik vor. Besonders abenteuerlustig
wird  es  beim  Special  in  der  Alfred-Fischer-Halle:  Wo  sonst  süffiger  Orchesterklang  wogt,  jagt  Rock-Gitarrist Victor Smolski die wildesten Riffs übers Griffbrett, liefert Schlagzeuger André Hilgers eine fast artistische Percussion-Show, beschwört Bassist und Sänger Peavy Wagner mit sonorer Stimme die düs-
tere Geschichte einer mittelalterlichen Hexenverbrennung, untermalt vom klassischen Klangteppich des Lingua Mortis Orchestra, eines Kammerorchesters aus Barcelona, verziert mit klassischem Gesang von Jeannette  Marchewka  und  Dana  Harnge.  Für  das  „LMO“-Projekt,  das  bereits  in  Wacken  vor  100.000
Hardcore-Fans des schweren Rocks furiosen Erfolg hatte, freunden sich die harten „Men in Black“ des Heavy Metal-Trios „Rage“ mit den Damen und Herren in Schwarz der Klassik-Szene an und zaubern gemeinsam eine Art Metal-Musical auf die Bühne.

Lateinamerikanisches  Grenzland  erkunden  drei  Berliner  Jungs  vom  „Trio  NeuKlang“ im  Audi-Potthoff-Hangar mit „Goodbye Astor - Der letzte Tango von Mozart“. Konnte Antonio Vivaldi Tango tanzen und Beethoven zur Big Band swingen? Fast scheint es so, denn bei den Neutönern von „NeuKlang“ wird al-
les irgendwie zu Tanzmusik.Buchstäblich  schwingen  die  „goldenen  Schwestern“  das  Tanzbein:  Vier  Ladies  mit  großer  Passion  für die  Off-Theater-Szene  spielen  nicht  nur  brillant  Saxofon,  sondern  machen  aus  den  Konzerten  von „sistergold“ immer eine große Show, liefern auch schon mal eine Stepptanz-Einlage, wenn sie swingen und jammen zwischen „Mack the Knife“ und „Puttin’ on the Ritz“.  Ganz  neue  Seiten  an  Altmeister  Bach  entdecken  Michael  Villmow  und  Gunther  Tiedemann.  Doch  sie zollen dem großen Johann Sebastian Respekt, stellen ihn nicht auf den Kopf in „Kreuzüber  Bach  II.“
Tiedemann spielt streng im Sinn des Schöpfers dessen Cellosuite Nr. 2, bevor Villmows Saxofon hinzutritt  und  gemeinsam  mit  Tiedemann  ein  subtiles  Geflecht  aus  Linien,  Farben  und  jazzigen  Rhythmen inszeniert. „Schmachtigallen“ sind Zugvögel. Ihre Route: Die Reise ins Glück. Startpunkt des perfekt inszenierten
A-cappella-„Rundflugs“ ist „Frankreich, Frankreich“. Dann nehmen sie den „Highway To Hell“ bis zur „Bar zum Krokodil“. Henry Arnold, der gemeinsam mit Hans Neuenfels den Aufsehen erregenden Bayreuther „Lohengrin“ inszenierte, machte aus dem Konzert für vier Stimmen und Band eine perfekte
Show. Einen komödiantischen Knalleffekt setzt die „Boygroup mit Frau“, „Vocal Recall“, am Ende des Festivalsommers: „Dieser Keks wird kein weicher sein“ versichern sie in perfektem dreistimmigem Ensemble-Gesang mit Tastenbegleitung. Die Les-Humphries-Singers sangen von „Mexico“? Das müssen Sie falsch verstanden haben. Vocal Recall weiß es besser: „Mett ist roh“. Soviel Spaß kann Klassik machen!

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